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Die "Rio" (rechts) war eines der drei ersten Schiffe der Hamburg Süd, das im Gründungsjahr 1871 gekauft wurde.
„Wie ein wildes Pferd“

Reisen in Zeiten der Dampfschifffahrt war nichts für schwache Nerven – das zeigen die Tagebuchauszüge eines Südamerika-Reisenden auf dem Hamburg Süd-Dampfer „Rio“ Ende des 19. Jahrhunderts.

Wir schreiben das Jahr 1881. Das einzige Verkehrsmittel zwischen den Kontinenten ist das Schiff. Der gesamte Überseehandel, die Passagierbeförderung und große Teile der weltweiten Kommunikation laufen über See. Die Hamburg Süd befördert zu dieser Zeit Waren, Post und Passagiere mit drei modernen Dampfschiffen zwischen Europa und Südamerika. Eines davon ist die „Rio“, ein Steamer mit 40 Mann Besatzung. Ein junger Reisender beschreibt in seinem Tagebuch, wie abenteuerlich die Passage von Hamburg nach Buenos Aires damals war.

Die etwa vierwöchige Fahrt beginnt wie wohl viele Schiffsreisen in der damaligen Zeit: mit einem weinseligen Abend der „Cajüts-Passagiere“ im Salon der „Rio“. Mit der Gemütlichkeit an Bord sollte es jedoch bald vorbei sein. Schon am ersten Tag auf See werden die meisten Passagiere seekrank. An üppigen Lunch mit Beefsteak, Eiern, Sardellen und Käse ist nicht mehr zu denken. Und es kommt beim Seegang noch schlimmer ...

„Schaukelkasten“ in schwerer See

Am sechsten Reisetag gerät der Dampfer in schwere See. Der besorgte Tagebuchschreiber notiert: „Die Rio gebärdet sich wie ein wildes Pferd. Bald war der Kiel beinahe im Wasser, sodass die See in die Luken eindrang ... Wenn das Schiff heftig überholte, glich das ganze Wesen einem ungeheuren Bergrücken, und unser Fahrzeug glitt scheinbar diesen jähen endlosen Abhang in kochende Tiefe hinunter.“ In der Sturmnacht auf den 8. Dezember wird die „Rio“, mit 450 Pferdestärken kleinstes Schiff der Hamburg Süd, ihrem Ruf als „gehöriger Schaukelkasten“ vollauf gerecht.

Gut, dass die Reisenden den nötigen Halt in ihren Kajüten finden. „Die Cojen gleichen Särgen, so schmal sind die Kästen“, nörgelt der Tagebuchschreiber kurz vor dem Unwetter. Um sich dann, in wogender See, darüber zu freuen, wie praktisch die Schlafstätten doch seien.

Trotz wetterbedingter Verzögerungen machten Dampfschiffe etwa seit 1850 erstmals in der Geschichte der Seefahrt einen verlässlichen Linienverkehr nach Fahrplan zwischen den Kontinenten möglich – und damit auch Passagierreisen in größerem Stil. Hauptaufgabe der Dampfer war die Ladungsbeförderung. So auch auf der „Rio“: „An lebenden Thieren hatten wir Schweine, Hühner, Gänse, einen Ochsen. Einige Dutzend Schaafböcke“, vermerkt der „Rio“-Reisende zur Ladung.

Glückliche Überfahrt

„Der 1. Ingenieur erzählte, dass die Spritzwellen verschiedene Male so stark in den Schornstein gekommen seien, dass die Feuerleute glaubten, die Feuer würden verlöschen“ – was unabsehbare Folgen für die „Rio“ gehabt hätte. Es war der Erfahrung von Kapitän Brandt und etwas Glück zu verdanken, dass im Sturm weder Menschen noch tierische Fracht Ladung Schaden nahmen.

Quelle: Otto J. Seiler – Kurs Südamerika (1996), S. 108 ff.


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1. November 2019