Throwback Thursday: Wohlstand für den „Wilden Süden“

Vor 120 Jahren spielte die Hamburg Süd eine wichtige Rolle bei der Erschließung einer der entlegensten Regionen der Erde: Patagonien. Eine abenteuerliche Pionierleistung per Dampfschiff.

Um das Jahr 1900 war der Süden Argentiniens bettelarm – trotz fruchtbarer Böden und florierender Viehwirtschaft. Der Warenaustausch mit dem Rest des Landes war mangels Infrastruktur nahezu unmöglich. Das änderte sich schlagartig 1901. Auf Initiative des argentinischen Präsidenten Julio Argentino Roca richtete die Hamburg Süd eine regelmäßige Dampfschiffverbindung zwischen der Hauptstadt Buenos Aires und Patagonien sowie Feuerland und Punta Arenas in Chile ein: die legendäre „Linea Nacional del Sur“.

Mit dem bisherigen Schiffslinienverkehr, wie er weiter im Norden, im La Plata, ablief, hatte die Feuerlandroute nicht viel zu tun. Die Hamburg Süd steuerte die Region zweimal im Monat mit kleinen Dampfschiffen an – unter abenteuerlichen Bedingungen.

Sandpiste statt Hafen

Sichere Häfen gab es in ganz Patagonien nicht. Einfache Sandpisten, die aus dem Inland an die Küste führten, galten als Glücksfall. „Was man dort Hafen nannte, bestand bestenfalls aus einigen Wellblechbaracken, in denen die Farmer, die Estancieros, aus dem Inneren des Landes ihre Güter einfach niedergelegt hatten“, beschrieb Hamburg Süd-Kapitän und Patagonienpionier Ernst Rolin, die Schwierigkeiten am südlichen Zipfel der argentinischen Ostküste anno 1903. „Meist waren es Wolle, Häute und Talg. Manche dieser Sammelplätze hatten nicht einmal Schuppen.“

Für den „Wilden Süden“ war der neue Küstendienst ein Segen. Die „Linea Nacional del Sur“ brachte ersten bescheidenen Wohlstand in die bis dahin weitgehend isolierte Region. Die Entdeckung großer Erdölvorkommen 1907 brachte Argentiniens Süden einen weiteren wirtschaftlichen Schub.

Doch der Ausbau der Infrastruktur verlief nur schleppend. Die Schiffe der Hamburg Süd mussten mangels Häfen meist auf offener Reede vor Anker gehen. Die Passagiere gelangten mit kleinen Beibooten an Land und bekamen dabei meist nasse Füße. Die Ladung nahm den gleichen Weg: Die Mannschaft hievte sie auf Boote, um sie schließlich mit Muskelkraft an den Strand zu bringen.

„Das einkommende Frachtgut mussten wir so hoch an Land tragen, dass die Flut es nicht mehr erreichen konnte“, schilderte Ernst Rolin das mühselige Löschen der Ladung. „Der Empfänger holte es sich dann dort bei passender Gelegenheit ab. Ebenso wurde mit der Ware verfahren, die wir laden sollten. Die Farmer stapelten sie hoch irgendwo am Ufer auf und befestigten ein weit sichtbares Zeichen daran. Von dort brachten wir sie mit unseren Booten an Bord – wenn wir sie fanden.“ Häufig lag die Handelsware wochenlang unbewacht irgendwo am Strand unter freiem Himmel, und immer wieder ging Ladung verloren.

Wirtschaftlicher Aufschwung

Dennoch gelang es mit der regelmäßigen Schiffsverbindung, Patagonien wirtschaftlich an die Hauptstadt Buenos Aires anzubinden. Die Linea ermöglichte und beschleunigte den Warenaustausch zwischen dem entwickelten Norden und den Siedlungskolonien im tiefen Süden. Dort entstanden nun in kurzer Zeit Gefrierfleischfabriken für die riesigen Schafherden der Pampa, und Wollhändler richteten Niederlassungen ein. Auch das Erdöl gelangte auf dem Seeweg nach Norden.

Doch waren Patagonienfahrten aufgrund der schwierigen nautischen Bedingungen und tückischer Wetterverhältnisse nicht ungefährlich. Zwar ereigneten sich auf der bis Anfang des 1. Weltkriegs 1914 bestehenden Seeverbindung in den Süden keine größeren Unfälle. Doch der „Monte Cervantes“ wurde das Seegebiet Jahre später zum Verhängnis. Das 1927 bei Blohm + Voss in Hamburg gebaute Passagierschiff der Hamburg Süd schlug am 22. Januar 1930 während einer Feuerlandkreuzfahrt vor den südargentinischen Éclaireur-Inseln an einer Felsnadel leck. Dank der besonnenen Reaktion von Kapitän Theodor Dreyer waren alle 1.117 Passagiere innerhalb einer Stunde in den Booten und in Sicherheit.

Nun versuchte die Mannschaft, den 160 Meter langen Luxusdampfer zu retten. Doch einen Tag nach der Havarie kenterte er in seichtem Wasser. Einziges Todesopfer bei dem Unglück war Kapitän Theodor Dreyer. Er hatte bis zuletzt vergeblich versucht, sein Schiff vor dem Untergang zu bewahren. Der Havarist ging als „Titanic des Südens“ in die Geschichte ein. Heute ist das Wrack nahe der Stadt Ushuaia ein beliebter Hotspot für Taucher.

Patagonien treu geblieben

Heute fahren die Hamburg Süd und Aliança mit ihren Diensten insgesamt acht Häfen in Argentinien an. Auch in Patagonien ist die Hamburg Süd weiterhin aktiv – mit dem SAEX und dem saisonalen Dienst APAT bietet sie verlässliche Transporte für die Fruchtexporteure aus dieser Region. Unsere Linienverbindungen finden Sie hier im Überblick.


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16. Januar 2020

Hamburg Süd Patagonien
Die legendäre „Linea Nacional del Sur“ verband Buenos Aires mit Patagonien.